Worum es hier geht

Die Initiativen und Projekte im Nachbarschaftshaus Karlsgartenstraße 6 verlieren gerade ihr Haus.

Im Koalitionsvertrag 2021–2026 hat sich die Berliner Landesregierung zum Ziel gesetzt, „das Engagement von zivilgesellschaftlichen Projekten und Initiativen insbesondere im Bereich der Antidiskriminierungsarbeit, Demokratieförderung, Opferberatung und des Empowerments langfristig abzusichern.“ Also genau das zu unterstützen, was die Initiativen im Nachbarschaftshaus seit acht Jahren machen. Und doch plant das Bezirksamt Neukölln, ihnen Räume wegzunehmen.

Seit 2013 haben sie im Haus zusammengearbeitet, wichtige Netzwerke und Strukturen aufgebaut, gemeinsam einen Raum für unterschiedlichste Menschen aus dem Kiez entwickelt, Brücken gebaut für Menschen, die neu in Berlin leben, und immer wieder einen Platz für Begegnungen, Austausch, Diskussion und Kreativität geschaffen. Das Nachbarschaftshaus war Ankerort des Quartiersmanagements Schillerkiez, seine sichere Finanzierung notwendig für dessen Verstetigung.

Hier treffen sich, um nur einige zu nennen, die Stadtteilmütter Neukölln, der MigrantinnenVerein Berlin, das Demokratieprojekt Schillerkiez und die Schillerwerkstatt. Pälastina spricht, Queer Tango und die Berlin Habla Toastmasters. Projekte wie die Taschengeldfirma, Mensch Raum Land e.V. und pluralarts machen hier Jugendarbeit. Insgesamt sind es aktuell 25 Initiativen.

Nun zieht sich der bisherige Träger des Hauses, Vielfalt e.V., aus dem Haus zurück und hat im Juni 2021 den Nutzungsvertrag gekündigt – gleichzeitig aber andere Vereine zur Fortsetzung vorgeschlagen. Die Schillerwerkstatt z.B. wird das Demokratieprojekt Schillerkiez ab 1.1.2022 fortführen und würde auch die Hausträgerschaft übernehmen.

Die Koordinatorin des Hauses stand bereits ab April in regem Kontakt mit dem Bezirksamt, um diesen Trägerwechsel in trockene Tücher zu bringen und immer wieder deutlich zu machen, dass das Nachbarschaftshaus auch in Zukunft offenstehen soll und kann. „Das wird schon“, bekam sie gesagt.

Ende September 2021 haben die Initiativen dann völlig überraschend von Vielfalt e.V. erfahren, dass die Nutzung ihrer Räume ab 2022 an die Volkshochschule Neukölln gehen solle. Die VHS Neukölln nutzt seit 2015 die ehemalige Kurt-Löwenstein-Schule, direkt nebenan. Sie möchte in den Räumen ein Servicebüro einrichten.

Das Haus hat drei Etagen: im Erdgeschoss einen großen Raum mit Gemeinschaftsküche und Terrasse zum Garten, im 1. und 2. Stock wesentlich kleinere Räume in ehemaligen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen.

Die kleinen Räume im zweiten Stock sollen die Initiativen auch in Zukunft nutzen dürfen, erklärte das Bezirksamt in der BVV-Sitzung am 24. November 2021. Erdgeschoss und ersten Stock werde die VHS übernehmen, nach noch zu planenden Umbaumaßnahmen. Das Bezirksamt nannte dies „großes Interesse an einer Kooperation“.

Das Erdgeschoss verlieren bedeutet, den Standort zu verlieren. Das Kiezcafé, Ort der Begegnung und der Brücken, müsste schließen. Das ist keine Kooperation. Das ist Verdrängung.

Die Initiativen wurden in den Entscheidungsprozess nicht transparent einbezogen und fühlen sich nicht ernst genommen. Ab und zu eventuell einzelne Räume der VHS nutzen zu können, ist für sie keine Alternative. Das Nachbarschaftshaus ist mehr als die Summe seiner einzelnen Angebote.

Insbesondere das Kiezcafé, die Terrasse und der angrenzende Garten sind das Herz des Hauses. Es ist ein zentraler nachbarschaftlicher Ankerpunkt, den Nachbar:innen jeden Alters aus dem ganzen Stadtteil aufsuchen können, auch unabhängig der Angebote und ohne weiteren Anlass.

Nicht zuletzt ist es ein safe space für Migrantinnen, für Frauen und Mädchen. Ein funktionierender Schutzraum gegen Gewalt an Frauen.

Wer Schutzräume von Frauen schließt, signalisiert damit, dass die Frauen nicht wichtig sind. Die Erklärung des Bezirksamts kam am 24.11. über den Youtube-Livestream der BVV: „Das Erdgeschoss und das 1. Obergeschoss sollen weiterhin – sofern Umbaumaßnahmen die Nutzung nicht einschränken oder unmöglich machen – bis zur Übernahme der dortigen Räumlichkeiten durch die VHS den Initiativen ebenfalls weiter kostenfrei zur Verfügung stehen.

Bis zur Übernahme durch die VHS. Für alle, die es nicht fassen konnten, nachzulesen in Drucksache 0018/XXI.

Am 15. Dezember sind, endlich, vier Vertreter:innen aus dem Haus zu einem ersten Runden Tisch eingeladen, an dem über Kooperationsmöglichkeiten gesprochen werden soll. Das Bezirksamt habe angekündigt, sagt einer der vier, offen in das Gespräch zu gehen.

Die Initiativen fordern

  • eine dauerhafte Sicherung und Nutzungsmöglichkeit der Räumlichkeiten in der Karlsgartenstraße 6
  • eine weiterhin kostenfreie Nutzung der Räume des Nachbarschaftshauses

Am 13. Dezember um 16:00 demonstrieren die Initiativen und Unterstützer:innen von der Karlsgartenstraße zum Rathaus Neukölln.

Anne Matthies

Anmerkung: Ich bin Anwohnerin. Ich lebe, mit Unterbrechungen, seit 1990 in Neukölln. Ich bin in keiner Weise mit dem Haus verbandelt, nur froh für den Kiez, dass es existiert. Die Antwort auf die Einwohneranfrage in der BVV hat mich so empört, dass ich den ersten Leserbrief meines Lebens geschrieben und mich dem Netzwerk Nachbarschaftshaus angeschlossen habe.

Ich rede in dem Artikel nur allgemein vom „Bezirksamt“, weil manche Leute im Haus Angst davor haben, Namen zu nennen. „Bezirksamt“ verwende ich für verschiedene Personen, alle tätig beim Bezirksamt Neukölln, einige durchaus wohlwollend. Es ist von außen nicht zu durchschauen, wer dort mit wem kommuniziert.

Die politische Dimension geht für mich weit über den Kiez hinaus. Hier wurden Beteiligte über Monate im Dunkeln gelassen. Ich habe bis heute keine Hinweise dafür gefunden, dass die Entscheidung über die Zukunft des Hauses irgendwo öffentlich diskutiert worden wäre.

Nachbarschaftshaus
Karlsgartenstraße 6
12049 Berlin